Hallo ihr Lieben,

ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Beitrag wirklich schreiben und veröffentlichen soll.

Ich habe mir wochenlang regelrecht den Text im Kopf immer zwischen gespeichert, bevor ich das erste mal “Hallo ihr Lieben” schrieb.

Zum einen weil es hierbei um mich ganz persönlich geht und zum anderen, weil dieses Thema recht schwierig zu “behandeln” ist und thematisch noch nicht richtig behandelt wurde. Jedenfalls hier nicht.

Es ist ein großer Abschnitt meiner Vergangenheit bzw. der Geschichte meines Lebens, denn wie die Überschrift aussagt, veränderte der Missbrauch mein ganzes Leben. Meine Kindheit, meine Jugend und mein Leben als erwachsene Frau und Mutter ist geprägt.

“Familie & Freizeit” soll ein angenehmer, freundlicher Ort sein.

Gern könnt ihr euch mitteilen, diskutieren, oder konstruktive Kritik äußern, aber wenn ein Kommentar mit dem eigentlichen Kontext nichts mehr zu tun hat, beleidigend oder verletzend ist, wird dieser von uns entfernt.

Ich möchte deshalb keine Kommentare mit “Das Internet vergisst nie” zu lesen bekommen, denn das ist mir durchaus bewusst.
Mir ist auch bewusst, dass meine Kinder vielleicht irgendwann mal diesen Text lesen könnten. Wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, dürfen sie es lesen. Es ist ein Teil meines Lebens, also ein Teil von ihrer Mutter und vielleicht werden sie im Erwachsenenalter nachvollziehen können, warum ich manchmal so übervorsichtig war.

Ich möchte auch nicht lesen “Wo war die/deine Mutter?”, der Missbrauch fand immer statt, wenn sie nicht anwesend war.

Erinnerungen

Ich kann mich, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, kaum an positive Erinnerungen aus meiner Kindheit erinnern.
Ich kann mich daran erinnern, wie ich damals mit meinen Freunden gespielt habe, bei uns und bei ihnen vor dem Haus.
Ich kann mich an einige Tage in der Schule zurück erinnern, wie ich auf dem Schulhof: “Ich bin Sailor Moon, und im Namen des Mondes werde ich dich bestrafen!”, geschrien und mich dann in eine Blondine verwandelt habe.
Ich kann mich an fast alle Klassenkameraden und Freunde erinnern und wie ich zu Geburtstagen gegangen bin.
Ich kann mich auch an Orte und Umgebungen sehr gut erinnern, so gut, dass ich spontan durch bloße Erinnerungen Nico zu meinem alten Kindergarten in Polen leiten konnte. Ich war sozusagen unser Navi. Ja, damals als wir in Polen gelebt haben, war mir das noch nicht passiert. Damals habe ich auch im Kindergarten aus Knete und Reis ein Kunststück für eine Erzieherin gebastelt und es ihr stolz überreicht. ich weiß noch ganz genau, wo wir gewohnt haben, wer die Nachbarsjungen waren und wie wir zusammen gespielt haben. Das ist doch irre, oder?
Damals war ich ein Kindergartenkind!

Wenn wir mit unseren Kindern unterwegs sind, erzähle ich ihnen immer etwas, wenn ich an einem Ort etwas erlebt habe.
Wie zum Beispiel am Maschsee in Hannover. Dann erzähle ich ihnen, wie ich damals an genau der gleichen Stelle mit meiner Mama war.

Es sind immer nur Fetzen, immer nur Momente, die mir besonders gut getan haben, aber meistens haben diese Momente außerhalb stattgefunden.

Manchmal macht mich das auch so verdammt wütend, weil ich weiß, dass es da auch etwas positives gegeben haben muss.
Ich erinnere mich an unsere Wohnung und die Aufteilung der Zimmer, aber an kein gemeinsames Frühstück, kein Weihnachtsfest, kein Ostern, keinen Geburtstag, obwohl das doch Erlebnisse sind, die man in der Kindheit mit etwas positivem verbindet. Ich weiß wie mein Spielzeug aussah, welche Tapete mein Kinderzimmer hatte und wo ich mir meine Schuhe anzog. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, wie ich mit dem Spielzeug gespielt habe oder wie wir als Familie überhaupt die Zeit zusammen verbracht haben.

Es macht mich manchmal auch traurig, so viel erlebt zu haben, aber sich an nichts erinnern zu können.

Vertrauen und Lügen

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“, eine Redewendung die auf mich und mein Leben zutrifft.
Ich habe in meiner Kindheit jegliches Vertrauen an Männer verloren, außer bei Lehrkräften. Sie gaben mir immer eine gewisse Sicherheit.
In der Schule war alles in Ordnung, dort war ich glücklich und sicher. Ich habe bei meinem ersten Liebesbrief panische Angst bekommen, ich war mit diesem Brief komplett überfordert. Ich kannte den Jungen sehr gut, wir waren gute Freunde und haben am Nachmittag oft Zeit zusammen verbracht, aber diese Brief löste in mir etwas ganz neues aus. Eine Situation, die ich zuvor nie erlebt hatte. Da war sie also, die Pubertät. Mein Körper veränderte sich, Jungs haben an mir gefallen gefunden und sie fingen an mir auch irgendwie zu gefallen, aber wer von ihnen liebte mich wirklich? Wer von ihnen würde mir nichts böses wollen und wer würde mich nicht zu irgend etwas zwingen? Ich musste lernen, auch mit diesem Lebensabschnitt zu leben, so wie alle anderen jungen Mädchen auch, aber eben nicht mit dieser Vorgeschichte. Ich habe die Jungs Stück für Stück kennengelernt, ich habe Stück für Stück Vertrauen gewonnen und Stück für Stück so etwas wie das Verliebtsein in mir wahrgenommen. Oft gingen mir die Dinge zu schnell, oft wurde ich panisch, oft wurde mir abends ganz schlecht, wenn ich an den nächsten Tag dachte und oft erfand ich Lügen. Lügen um ein Treffen zu umgehen, Lügen um etwas nicht machen zu müssen, Lügen um früher nach Hause zu können.
Lügen gehörten zu meinem Bestand an Charaktereigenschaften. Ich habe zweieinhalb Jahre ständig lügen müssen, mir immer aufs neue ausdenken müssen, warum ich früh ins Bett gehe, warum ich nachts mit Strumpfhose und und Schlafanzug schlief. In gewisser Weise war ich eine Expertin auf diesem Gebiet und glaubt mir, ich habe es gehasst! Ich habe es verdammt nochmal gehasst! Ich hätte meiner Mutter dieses Geheimnis verraten, aber ich durfte einfach nicht. Ich wusste, dass sie es nie erfahren dürfte, weil ihr sonst etwas ganz schlimmes zustoßen würde.

Als ich das erste Mal Mutter wurde hat sich dieser Vertrauensbruch deutlich gemacht. Mein Kind habe ich nie mit einem Mann alleine in einem Raum gelassen. Ich habe immer ein Auge auf ihn geworfen und auch darauf geachtet, dass mein Kind nie nackt in der Öffentlichkeit ist.
So ist es auch jetzt. Ich achte immer darauf, dass ich Liam ungestört wickel und umziehe und ihn dabei keine “fremden” sehen. Die beiden großen Kinder haben inzwischen ihr eigenes Schamgefühl entwickelt und das finde ich wichtig! Sie sollen wissen, dass der Körper ihnen gehört und sie selbst bestimmen, wer ihn sehen darf und wer nicht.

Fassungslosigkeit

Der Missbrauch fand von 1995 bis 1998 statt (1988 wurde ich geboren). Im Urteil wurde mein damaliger Stiefvater zu 2 Jahren und 6 Monaten verurteilt.
In diesem Verfahren wurden vier Fälle, jeweils in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch festgestellt.
Man wollte mich nicht aussagen lassen, weil man mir diese “Tortur” ersparen wollte.

Diese Straftaten hat er auch jeweils gestanden. Gut für ihn, schlecht für mich. Denn er hätte 6 bis 10 Jahre Gesamtfreiheitsstrafe bekommen können.
Alleine bei diesem Auszug  aus dem Urteil kann ich nur mit dem Kopf schütteln:

“Für den Angeklagten konnte jeweils zwar berücksichtigt werden, dass er in der Hauptverhandlung – wenn auch nach einigem Zögern – ein Geständnis abgelegt hat, mit dem er maßgeblich die Tataufklärung erleichtert hat. Der Angeklagte hat mit diesem Geständnis nachhaltig dazu beigetragen, dass dem geschädigten Kind weitere, ihr mit Sicherheit sehr stark belastende Vernehmungen erspart werden konnten. Des weiteren konnte Berücksichtigung finden, dass der Angeklagte strafrechtlich bislang noch nicht in Erscheinung getreten ist. Schließlich hat die Strafkammer nicht völlig unberücksichtigt gelassen, dass möglicherweise kindliche Neugier die Tatbegehung im ersten Fall erleichtert hat.”

Da ist also ein Mann, der sich an Kindern vergreift und dann wird noch behauptet das kindliche Neugier das ganze erleichtert hat?
Interessant ist auch, dass damals vier Fälle festgestellt wurden. Hätte man mich damals befragt, hätte ich noch einige weitere und weitaus schlimmere Situationen mitteilen können. Hier ging es “nur” um das Anfassen und das Reiben seines Gliedes.

Er ist ein FKK-Fan, ich erinnere mich, wie er an einem heißen Sommertag zum Campingplatz fuhr. Ich war nackt und in diesem stinkenden Wohnwagen eingesperrt. Ich hatte Angst, Hunger und Durst. Ich war dort ganz alleine! Ich war diejenige, de sich in den Schlaf geweint hat und ich war die, die am nächsten Tag wieder funktionieren musste. Ich musste lügen und sagen, dass wir einen schönen Tag verbracht haben.

Das war auch nur eines der harmloseren Erlebnisse…

Ich weiß, ihr könnt das vielleicht nur teilweise nachvollziehen, weil ich hier nur “Fetzen” mitteile, aber ich kann einfach nicht mehr schreiben, weil ich sonst wütend werde und der Blogbeitrag zu einem Buch wird. Ich habe so viel zu erzählen, doch die Zeit und die Kraft fehlt.

Vielleicht werde ich auf weitere Dinge eingehen, aber heute ist erst Mal Schluss.

Liebe Grüße
Geli